Zeitzeugen im Gespräch: Als AIDS nach Deutschland kam

Seit dem uns Covid-19 erreicht hat, steht die Welt Kopf. Deshalb verlieren viele schnell aus den Augen, dass eine Vielzahl von Viren uns ständig bedroht. Einige davon wesentlich todbringender als Corona. Zum Beispiel, das HI-Virus, welches Anfang der 80er Jahre zu uns nach Deutschland rüber schwappte.
Ein Zeitzeugen-Gespräch mit zwei Urgesteinen der Aidshilfe Köln:
Reinhard Klenke ist ein Anti-AIDS-Aktivist der ersten Stunden, und Gerhard Malcherek war einer der ersten in Deutschland, der „positiv“ getestet wurde.

PreP – Sicher ohne Kondom

PreP, das steht für Präexpositionsprophylaxe. Das heißt, HIV-negative Menschen schützen sich vor der Ansteckung mit dem HI-Virus durch die präventive Einnahme von Medikamenten. Truvada, heißt das Wundermittel, das vergangen Monat in der EU zur Verwendung als Prävention zugelassen wurde. Einer der bereits seit einiger Zeit sich für die HIV-Prävention durch Medikamente, kurz PreP einsetzt. ist Emmanuel D. aus Berlin. „Innerhalb von zwei Jahren sind sechs Freunde von mir positiv geworden“, erinnert sich Emmanuel. „Und ich bin immer mit dem Gedanken aufgestanden: ‚Ich bin der nächste.‘ Beim Sex war ich schon immer etwas paranoid, hatte immer Angst vor Ansteckungen.“, erzählt der Berliner. Um nicht der siebente neu-infizierte im Freundeskreis zu werden entschloss er sich etwas zu tun.

Emmanuel D. und Dr. Ingo Ochlast im Beratungsgespräch


Ohne ärztlichen Beistand geht es nicht. Dr. Ingo Ochlast vom Praxisteam Friedichshain in Berlin und hat sich mit dem Thema PreP schon seit langem auseinander gesetzt. Er bietet die medizinische Begleitung wie 3-monatige HIV- und STD Test an. „Es gab bisher in Europa zwei erfolgreiche Studien zum Themen PreP“, weiß Ingo Ochlast. „Das ist zum einen die Ipergay-Studie aus Frankreich und die Proud Sudie in Großbritannien. Diese Studien haben gezeigt, das bei einer täglichen Einnahme von Truvada das Risikio, sich mit HIV anzustecken, um 86% verringert wird.“ Zum Vergleich: Beim Kondom liegt es bei 95%.
Bei einen HIV Infektionen werden die weißen Blutkörperchen, die den Körper vor Krankheitserregern schützen, zerstört. Durch die Einnahme von PreP erhalten diese sogenannten T-Zellen einen Schutzschild. Dieser verhindert, dass der HI-Virus in die weißen Blutkörperchen eindringen, und diese zerstören kann.
Die AIDS-Hilfe Düsseldorf ist froh über die Zulassung von Truvada als PreP. Marco Grober, der auch im Herzenslust-Team aktiv ist, sieht aber nur begrenzte Anwendungsmöglichkeiten für die PreP. „In Settings wie Darkrooms oder Kellerbars läuft viel auf dem Non-Verbalen weg. Da finden Kontakte statt, die einfach so passieren. Und Safer Sex wird dort fast nie verhandelt. Wenn man dann die Pille hat und man nimmt sie im Vorfeld kann man für sich zumindest sagen ‚Ich bin auf der sicheren Seite‘. In solchen Situationen wird es auf jeden Fall eine Anwendung finden“.

Truvada heißt das Medikament, dass die Ansteckung mit dem HI-Virus verhindern soll.


Die schwule Community ist so unterschiedlich wie die Mehrheitsbevölkerung. Es gibt Paare die leben über Jahrzehnte monogam auf dem Land und es gibt einige, die wechseln fünf Mal täglich den Sexualpartner. Und dazwischen gibt es unendlich viele Abstufungen. „Es gibt unterschiedliche Einnahmemöglichkeiten von PreP“, erzählt Dr. Ingo Ochlast. „Die meisten nehmen es täglich ein. Das hat den Vorteil, dass es einfacher zu merken ist, wann man die letzte Tablette eingenommen hat. Es ist zur täglichen Routine geworden. In dem Fall ist die Therapie teurer. Sie kostet dann mit dem Originalpräparat 800 Euro im Monat.“ In der Ipergay-Studie wurde aber auch das „on demand Schema“ getestet. „Optimaler weise 2 bis 24 Stunden vor dem Sexualkontakt wird die doppelte Dosis genommen.“ erklärt der Berliner Mediziner. „Dann 24 Stunden nach dem Sex und noch mal 48 Stunden danach. Eine solche Einnahme macht für jemanden Sinn, der ein „Partywochenende“ vor sich hat oder mal aus der Kleinstadt in das Nachtleben von Berlin eintauchen und hier Spaß ohne Kondom haben möchte“.

Tenvir-EM aus Indien ist das preiswerte Generikum zu Truvada.


Wie wahrscheinlich sehr vielen sind 800 Euro im Monat für das Originalpräparat Truvada für Emmanuel D. zu viel Geld. Er nutzt das Generikum „Tenvir EM“ von der Indischen Firma Cipla. „Tenvir EM kann man auf mehreren Webseiten bestellen. Zum Beispiel auf AllDayChemist. Jedoch ist der Bestellvorgang kompliziert. Man darf nämlich nach Deutschland keine Medikamente per Post importieren. Aber man darf einen dreimonatigen Vorrat an Medikamente im Reisekoffer mitbringen.“ erklärt Emmanuel. „Ich kann oder will natürlich nicht alle drei Monate nach Indien fliegen. Jedoch kann ich mir die Pillen nach England schicken lassen. Dort sind die Zollregelungen so, dass man drei Packungen bestellen darf. Ich schicke dann Tenvir immer zu einem Freund und besuche ihn alle drei Monate und hole meine PreP ab“.
Kompliziert ist das schon. Aber vielleicht haben wir ja Glück, und Truvada wird in Zukunft von der Krankenkasse übernommen und wir können uns die PreP unkompliziert und erschwinglich in der deutschen Apotheke besorgen.

„Sicher ohne Kondom“ ist ein Film von Thorsten Adam.